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150 Jahre Germania – Ein Stück Undenheimer Geschichte

 

Am 29. August 1875 wurde die Statue der Germania feierlich auf dem Platz vor der evangelischen Kirche in Undenheim enthüllt.

Die Oppenheimer Landskrone berichtete damals:

„Das Denkmal selbst, den Kriegern den Lorbeerkranz spendend, ist in trefflicher Arbeit von Bildhauer Gula in Oppenheim ausgeführt und dient ebenso der Gemeinde zur Zierde wie dem Erbauer zur Ehre.“

Die Feierlichkeiten begannen bereits am Vorabend mit einem feierlichen Zapfenstreich des hessischen Pionier-Bataillons Nr. 11. Am Sonntagmorgen weckte eine Reveille – der militärische Weckruf aus Trommeln und Trompeten – die Bevölkerung, begleitet von Böllerschüssen. Für die Einweihung hatten die Verantwortlichen bewusst das Wochenende vor dem „Sedantag“ gewählt.

Der Sedantag war von 1871 bis 1918 ein Gedenk- und Feiertag im Deutschen Kaiserreich. Er erinnerte an die entscheidende Schlacht von Sedan am 2. September 1870, in der die französische Armee besiegt und Kaiser Napoleon III. gefangen genommen wurde.

 

BEDEUTUNG DER GERMANIA

 

Den Begriff „Germanen“ hat Gaius Julius Caesar (100 – 44 vor Christus) geprägt. Er ist aus römischer Sicht eine Sammelbezeichnung für bestimmte Völker (z.B. Alamannen, Franken, Sachsen) in Nord- und Mitteleuropa.

Bereits zu dieser Zeit wurde die Germania als Frau dargestellt.

Die Germania erfuhr im Laufe der Geschichte einen Bedeutungswandel. Das 19. Jhd. wird als Jahrhundert der Denkmäler bezeichnet, in dem die Germania einen enormen Aufschwung erlebte. Sie galt als Symbol für ein aufgeklärtes Deutschland. Deutschland war zu dieser Zeit in viele, unterschiedliche Herrschaftsgebiete aufgeteilt. Nach dem Sieg der antifranzösischen Koalition ( Preußen, Österreich, Russland und England) über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 erhofften sich die Deutschen einen politisch geeinten Nationalstaat und Volkssouveränität. Es entwickelte sich eine liberale, demokratische und nationale Bewegung, getragen von einem Bürgertum, die für ihre Ziele z.B. 1832 auf dem Hambacher Schloss bei Neustadt demonstrierte. Während der Revolution 1848 wollte ein gewähltes Parlament in der Frankfurter Paulskirche diese Ziele mit einer Verfassung verwirklichen. Es scheiterte an der preußischen und österreichischen Fürstenmacht.                                                                                                                                          Otto von Bismarck, seit 1862 Ministerpräsident in Preußen, trieb die Einigung Deutschlands unter der Vormacht Preußens und dem Ausschluss Österreichs voran.  Dies gelang ihm 1870 durch einen bewusst provozierten Krieg gegen Frankreich. Dabei vereinte er die norddeutschen und die süddeutschen Staaten, die gemeinsam als Sieger hervorgingen. Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses in Versailles von den Fürsten zum deutschen Kaiser ausgerufen. Die ersehnte Einheit Deutschlands war endlich erreicht.

In der damals zeittypischen Gedenkkultur symbolisierte die Germania den gemeinsamen Kampf des deutschen Volkes gegen Frankreich, der zum Nationalstaat führte und die Schaffung des neuen Kaiserreiches ermöglichte. Eine Nation war entstanden, jedoch ohne demokratische und liberale Grundzüge. Nach wie vor lag die Macht bei den alten Herrschaftsstrukturen.

Denkmäler sollten eine Möglichkeit der Identifikation mit dem neuen Nationalstaat bieten sowie der Legitimation des deutschen Kaiserreiches dienen. So erlangte die Germania in der Bismarckzeit große Popularität, Millionen von Postkarten und Geldscheinen waren mit ihrem Bildnis versehen.

Nach der erhofften Einigung Deutschlands erfuhr die Germania einen erneuten Bedeutungswandel und stand nun für den gemeinsamen Kampf des deutschen Volkes gegen Frankreich.

Wie kaum ein anderes Denkmal symbolisiert die Germania die Schwierigkeiten, die Deutsche immer noch mit ihrem Geschichtsverständnis haben. Oft wurde die Germania mystifiziert, mit Vorurteilen oder falschen Informationen interpretiert.

 

Darstellung der Undenheimer Germania

 

Die Germania präsentiert sich in einer Siegespose, das Volk ist Sieger. Mit der rechten Hand hält sie einen Lorbeerkranz hoch, ein Symbol des Sieges und der Macht. Zum Schutz trägt sie einen Brustpanzer mit dem Reichsadler. Das Schwert steckt in der Scheide, das Schild ist nach unten auf den Boden gesenkt. Ihre Haltung steht für den beendeten Krieg und den beendeten Kampf, nun symbolisiert sie den bevorstehenden Frieden.

 

Die hier stehende Germania wurde aus Sandstein gefertigt und steht auf einem Stufensockel. Die 1870/71 in den Krieg gegen Frankreich eingezogenen Undenheimer werden auf dem Sockel geehrt. Die kleinen Kreuze hinter einigen Namen bedeuten nicht, dass diese Männer im Krieg gefallen waren – sie wurden vom Soldaten- und Kriegerverein erst nach dem späteren Tod der ehemaligen Soldaten eingraviert. Am Krieg 1870/71 nahmen 21 Undenheimer als großherzoglich hessische Soldaten teil. Nur einer kehrte nicht zurück: Ludwig Hennemann vom II. Infanterie-Regiment fiel in der Schlacht bei Gravelotte.

 

 

 

Die turbulente Zeit der Undenheimer Germania:

 

 

Das Germania Denkmal hat in Undenheim eine sehr turbulente Zeit durchlebt.

1875

1875 wurde die Germania in Undenheim gegenüber der evangelischen Kirche aufgestellt.

Sie schaut mit ihrer Siegespose nicht in Richtung Frankreich, wie über ein Jahrhundert in der Schule vermittelt wurde, ihr Blick geht nach Südosten auf den neuen deutschen Staat. Sie symbolisiert den neuen Nationalstaat „Wir haben gesiegt, wir sind ein Staat.“

1945

Nach dem 2. Weltkrieg verlor Deutschland seine Souveränität und wurde in 4 Besatzungszonen aufgeteilt. Das heutige Rheinland-Pfalz stand unter französischer Verwaltung. Da die Germania den Sieg der Deutschen 1871 über Frankreich symbolisierte, war sie der Besatzungsmacht ein Dorn im Auge und musste vom Dorfmittelpunkt in Undenheim weichen. Ihren neuen Platz fand sie auf dem stillgelegten historischen Friedhof an der katholischen Kirche. Dabei hat man ihre Blickrichtung verändert, sie schaute nun nach Osten,

 

 

1946/47

Ab 1946 erhielten die Deutschen von den alliierten Besatzungsmächten Schritt für Schritt wieder ihre Souveränität. Nachdem die Franzosen sich zurückgezogen hatten, wurde die Germania von Undenheimern wieder umgedreht. Sie blickte nun nach Frankreich und stand „verkehrt“ auf ihrem Sockel.

 

 

2023

 

Schon in den späten 1980er Jahren wurde die Germania umfassend restauriert. Erst im Zuge der erneuten Restaurierung im Jahr 2023 erhielt das Ehrenmal seine ursprüngliche Ausrichtung zurück. Da die Statue nach dem Denkmalschutz mit der Vorderseite über dem Reichsadler stehen sollte, wurde sie  wieder mit dem Blick nach Osten aufgestellt. Neben der Korrektur der Blickrichtung wurden der Lorbeerkranz ergänzt und die fehlenden Namen der Kriegsteilnehmer nachgetragen.