Donnerstag, 24. September 20, 19:30 Uhr , alternativ Freitag, 2. Oktober 20, 19:30 Uhr

Vortragsabend mit Dr. Tobias Schmuck

Der Heimat- & Kulturverein freut sich nach längerer Corona bedingter Pause wieder zu einem Vortragsabend einladen zu können. Da die Platzanzahl auf 25 Personen beschränkt ist, bitten wir um Voranmeldung, telefonisch unter: 06737/ 710 78 05 oder per Email unter Post@Museum-Undenheim.de.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei „Gravelotte“ um den am häufigsten eingemeißelten Ortsnamen auf rheinhessischen Denkmälern. Und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hätten auch fast alle Rheinhessen etwas mit dem Namen anfangen können. Als Schauplatz einer ebenso entscheidenden wie blutigen Schlacht während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 stand „Gravelotte“ für den Kampf um den Nationalstaat sowie für das Opfer für die Einheit Deutschlands.

Damit sind schon zwei ans Mythische grenzende Thesen gefallen, die im Kaiserreich immense Popularität genossen: Zum einen habe im Krieg das Militär den Nationalstaat und die Einheit erst geschaffen; zum anderen sei der Krieg einschließlich der Toten dafür notwendig gewesen. Die Rheinhessen, die 1866 noch an der Seite Österreichs und Bayerns einen Krieg gegen die Preußen verloren hatten, störten sich nicht an dem Begriff der „Einigungskriege“ für die jeweils durch die Preußen und ihre Verbündeten gewonnenen Kriege gegen Dänemark (1864), die süddeutschen Staaten (1866) und Frankreich (1870/71). Die 25. Division, die aus dem Militär des Großherzogtums Hessen bestand, griff erstmals während der Kämpfe um Metz in den Kriegsverlauf ein – und während der dritten und letzten Schlacht um Metz bei Gravelotte (18. August 1870) standen erstmals alle hessischen Einheiten im Feuer. Ihre Verluste beim Kampf zwischen den Dörfern Verneville und Amanvillers waren hoch – zumindest solange sie nicht im Verhältnis zu denen der preußischen Gardeinfanterie bei Saint Privat oder zu denen in der Schlucht bei Gravelotte beteiligten Einheiten gesehen werden. Da die Hessen anschließend bis Ende Oktober geschlossen bei der Belagerung von Metz verblieben, kannten sie die ungleich bekanntere Schlacht von Sedan nur aus den gleichen Zeitungen, die in Worms, Alzey oder Oppenheim gedruckt wurden und den Rheinhessen ausgeliefert wurden.

Für die Zeit nach dem Krieg setzte sich in den Kriegervereinen der Brauch durch, Gravelotte zum prägenden Ereignis als Gedenktag mit kleinen oder größeren Feiern zu begleiten: In den Städten jährlich, in den Dörfern meist reihum mit den Kriegervereinen der benachbarten Orte. Das Alzeyer Beispiel zeigt, wie konstant in diesem militärnahen Milieu der Veteranen und Reservisten, die das ganze Jahr über als Zivilisten ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellten, Gravelotte als eigener Gedenktag neben dem populären und lauten Sedantag, der reichsweit im Großbürgertum, unter Beamten und in den Schulen begangen wurde, Bestand haben konnte. Insgesamt überrascht indes die Dichte einer Tradition, die nicht nur verschwunden ist (das passiert mit allen Traditionen irgendwann), sondern nach dem Ende des Kaiserreichs schnell und gründlich vergessen werden konnte: Das Undenheimer Kriegerdenkmal erinnert an Ludwig Hennemann, der bei Gravelotte durch einen Kopfschuss starb. In Bechtolsheim stehen in einer Gruppe von Veteranengräbern zwei Steine, die nach dem Tod der Veteranen Jahrzehnte nach dem Krieg noch deren Teilnahme an der Schlacht von Gravelotte bezeugen. Weinolsheims Kriegerdenkmal wiederum trägt an der Stirnseite einen Lorbeerkranz mit dem einzigen Wort „Gravelotte“, als ob damit alle wissen konnten, was es damit auf sich hat. Oppenheims Kriegerdenkmal wurde jährlich bis mindestens 1913 zum 18. August mit Blumen geschmückt. In Jugenheim, Flonheim, Albig, Hessloch oder Guntersblum stehen mehrere Schlachtennamen auf den Denkmälern: Gravelotte fehlt dabei nie.

Dabei gedachten üblicherweise die Überlebenden ihres Anteils am Sieg über Frankreich und der dadurch erfolgten Reichsgründung 1871. Indes wirkte die nationale Wertschätzung, die jedem Veteran unabhängig von Einkommen oder sozialer Schicht zuwuchs, nicht emanzipatorisch, sondern blieb eben von der öffentlichen Inszenierung des Reichsnationalismus abhängig. Über knapp zwei Generationen hinweg wurde die Geschichte der „Einigungskriege“ mit Plastizität und Detailwissen weitergetragen: Ansprachen, Gedichte und in den Schulprogrammen nachweisbare Lektüren spielten dabei ebenso eine maßgebliche Rolle wie die Populärkultur.

 

Schlacht bei Gravelotte